In einer Winternacht
Von Anke Hincke
Als ich heute Nacht aufwachte, ging ich zum Fenster und sah, wie ein Kind in einem unmöglichen Aufzug unten im Garten stand. Es hatte eine Kaffeemütze mit roten Troddeln auf dem Kopf, einen Morgenmantel aus gelber Seide an und trug grüne Gummistiefel mit weißen Punkten an den Füßen. Das Kind schaute direkt zu mir nach oben und starrte mich an. Es kam mir sehr merkwürdig vor. Obwohl ich ein bisschen Angst hatte, öffnete ich das Fenster und fragte das Kind: „Was machst du da unten in meinem Garten und wie heißt du?“ Leise rieselte etwas Pulverschnee von einem Tannenbaum auf die Kaffeemütze des Kindes, als es mir antwortete. „Ich bin Togolin aus dem Sternenzauberland Plantolino und ich bin 538 Sternenjahre alt. Jede Winternacht suche ich mir einen Menschen aus, mit dem ich Fantasieabenteuer erlebe. Heute bist du dran, wenn du dich traust!“ Togolin zog an der rechten Troddel seiner Kaffeemütze und schon trug ich ebenfalls einen gelbseidenen Morgenmantel und eine Kaffeemütze auf dem Kopf. Nach noch einem Ruck an der Troddel stand ich neben dem Kind im Schnee. Auch an meinen Füßen trug ich grüne Gummistiefel mit weißen Punkten. Plötzlich näherte sich uns eine weiße Wolke mit zwei kleinen goldenen Flügeln. Togolin stieg auf die Wolke auf und ließ sich tief in die watteweiche Masse sinken. Er schaute mich ungeduldig an und gab mir ein Zeichen auch aufzusteigen. Schnell hopste ich auf die Wolke und ließ mich neben Togolin nieder. Togolin holte aus der Watte ein goldenes Steuer hervor und gab mit dem rechten Fuß Gas. Die Wolke sauste lautlos davon. Schnell gewannen wir an Höhe. Unter uns lag jetzt der kleine Vorort in Norddeutschland, der fast unter dem Schnee versank. Aus den Schornsteinen der Häuser dampften weiße Rauchsäulen. Sicherlich war es jetzt schön warm und gemütlich in den Häusern unter mir, während mir der Fahrtwind ins Gesicht wehte und meine Wangen und Nase gefährlich abkühlte. Trotzdem gefiel mir diese Reise unglaublich gut. So hatte ich meinen Heimatort noch nie gesehen. Unter mir lag der alte Ortsteil mit der uralten Kirche, die auf einem Hügel umringt von Gräbern lag, man konnte sie vor lauter Schnee kaum erkennen. Dort auf der anderen Seite der großen Straße, die den Ort unterteilte, lag die Schule, in die morgen früh schon wieder 300 Schüler zur Schule gingen und ihr Vergnügen auf dem Schulhof finden würden. Am Marktplatz leuchteten noch die Fenster des Restaurants. Sicherlich wurde dort noch die Küche gereinigt, bevor die Besitzer endlich nach Hause gehen konnten. Die Fenster der Häuser rund um den Marktplatz waren nicht mehr erleuchtet. Nachdem wir einen ersten Rundflug über dem Ort gemacht hatten, ging unser Flug immer steiler nach oben. Die Lichter des Ortes wurden immer kleiner und die Sterne über mir immer strahlender. Ich fragte Togolin: „Wo fliegen wir hin und was hast du mit mir vor?“ Togolin lächelte mich an und sagte: „Ich werde dir einen Wunsch erfüllen, den ich in deinen Träumen gesehen habe!“ „Du hast mich beim Träumen beobachtet?“, fragte ich. „Ja, wenn ich mich langweile, dann schleiche ich mich manchmal zu Menschen ins Schlafzimmer und beobachte sie ein bisschen. Von dir weiß ich, dass du furchtbar gerne Geschichten liest, aber dich inzwischen ein bisschen dabei langweilst, weil alle Geschichten nur von Erwachsenen geschrieben werden und denen nichts Neues mehr einfällt. Dir gefallen die Geschichten von Kindern, weil sie noch frische Ideen haben und auch gerne einmal flunkern. Solche Geschichten wünscht du dir, das habe ich in deinem Traum gesehen.“ „Ja, wenn ich es recht überlege, dann ist das genau das, was ich mir wünsche. Eine Geschichtensammlung von Kindern, die ich während der Adventszeit meinen Schülern in der Schule vorlesen kann. Aber wie willst du mir diesen Wunsch erfüllen?“ „Ich weiß ein gutes Mittel, um Kindern den zündenden Gedanken zu geben. Wir fliegen ganz hoch zu einer kleinen Gruppe von besonders leuchtenden Sternen. Dort sammeln wir genügend Sterne ein und fliegen zurück zu den Häusern der Kinder.“
Bald schon waren wir angekommen. Togolin reichte mir einen mit Goldstaub bedeckten Beutel und forderte mich auf, nach den Sternen zu greifen und sie schnell in den Beutel zu stecken. Dabei zählten wir beide genau mit, denn wir durften nicht einen überzähligen Stern mitnehmen. „Eins, zwei, drei, ... fünf, sechs, sieben, … achtzehn, neunzehn, zwanzig, einundzwanzig, zweiundzwanzig!“ Endlich hatte ich auch den dreiundzwanzigsten und letzten Stern eingefangen und in den Sternenbeutel gelegt. Nun war ich gespannt, was weiter mit den Sternen passieren würde. Togolin ließ die Wolke langsam wieder zur Erde gleiten. Schon einige Minuten später konnte ich die Kirche und das Polizeirevier erkennen. Nun ließ er die Wolke ganz dicht über den Dächern des Ortes kreisen. Direkt neben dem Schornstein eines Mehrfamilienhauses blieb die Wolke in der Luft stehen. Togolin sah mich erwartungsvoll an, als müsste ich genau wissen, was er von mir wollte. Schließlich gab er ein enttäuschtes Schnauben von sich und sagte: „Du musst jetzt ganz fest an das Kind denken, das hier in diesem Haus wohnt und einen Stern aus dem Sternenbeutel aussuchen. Dann lässt du den Stern in den Schornstein fallen. Er wird sich den Weg durch den Kamin und die Heizung zu dem schlafenden Kind suchen, sich ihm auf die Stirn legen und dort verglühen. Beim Verglühen dringt die Energie in den Kopf ein und wird dort einen Sternenkurzschluss produzieren. Dieser wird dann für viele aufregende Ideen und Träume in dem Kinderkopf sorgen. So kommst du zu deinen Geschichten für die Adventszeit.“ „Ich konnte es nicht fassen und hatte noch Zweifel: „Aber was ist, wenn die Sterne schon im Schornstein verglühen, schließlich sind überall die Heizungen an?“ Togolin verdrehte die Augen und machte ein Gesicht wie „typisch Erwachsener!“. „Denk doch mal nach! Die Heizung wird den Sternen nicht schaden.“ „So ganz hatte ich Togolin nicht verstanden. Vielleicht war ich einfach dafür nicht schlau genug. Schließlich vertraute ich ihm, konzentrierte mich auf das erste Kind, wählte einen Stern aus dem Beutel aus und ließ ihn in den Schornstein gleiten. „Jetzt musst du ein bisschen Geduld haben, aber später wirst du sehen, wie gut es funktioniert. Komm, wir fliegen schon zum nächsten Haus!“ Nach dem dritten Kind, blickte ich zurück und sah aus dem Schornstein des ersten Hauses Rauch in Form eines Weihnachtsmannes und lauter Marsmännchen aufsteigen. Ich staunte nicht schlecht. Das konnte ja eine Geschichte werden! Jetzt machte mir unsere Tour von Schornstein zu Schornstein richtig Spaß. Jedes Mal, nachdem ich einen Stern eingeworfen hatte, blickte ich zurück. Da stiegen Räuber, Nikoläuse, Schneemänner und sogar Eisbären von den Schornsteinen in den Himmel auf. Der ganze nächtliche Himmel war erfüllt mit Figuren aus watteweichem Rauch. Ich genoss diesen Anblick von Togolins Wolke aus in vollen Zügen. Als sich die letzten Figuren in Luft auflösten, beschloss ich jede einzelne Geschichte der dreiundzwanzig Kinder sorgfältig abzuschreiben und mit den Kindern zusammen ein Adventsbuch zu gestalten, das sie am letzten Schultag als Weihnachtsgeschenk für ihre Eltern mit nach Hause nehmen sollten. Allein der Gedanke, wie die Eltern ihr Geschenk auspacken und beim Lesen der Geschichten über die tollen Ideen staunen würden, erfüllte mich mit großer Vorfreude. Sicherlich wären die Eltern sehr stolz auf ihre Kinder und würden sich ganz besonders über die witzigen Ideen freuen. Togolin bemerkte aus dem Augenwinkel heraus meine Zufriedenheit, während er die Wolke sanft in meinen Garten lenkte. Ich stieg schweigend aus und lächelte ihm zu. Togolin lächelte wissend zurück und zog dann zweimal an der linken Troddel seiner Kaffeemütze. Ehe ich mich versah, stand ich schon wieder im Schlafanzug an meinem Fenster. Togolin nickte mir zu und gab Gas. Winkend blickte ich ihm nach, als er lautlos auf seiner Wolke am dunklen Himmel verschwand. Ich gähnte und schlurfte müde in mein Bett zurück. Mein letzter Gedanke beim Einschlafen war, was wohl morgen in der Schule passieren würde, wenn ich den Satz „Als ich heute Nacht aufwachte, ging ich ans Fenster und sah…“ an die Tafel schriebe.